Fixpunkt, erschienen in der RZ am 21.08.2026:Von guten Mächten wunderbar geborgen

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. So lauten die bekannten ersten Zeilen aus Heinrich Heines Loreley Gedicht.
Was soll das alles bedeuten? Ich mache mir Kummer um die Loreley, denn es fließt nicht mehr genug Wasser am berühmten Felsen vorbei. Nur einzelne Frachtschiffe mit ganz wenig Ladung sind unterwegs und gar keine Kreuzfahrtschiffe mehr. Das Hafenbecken in Oberwesel ist leergelaufen und der historische Pfarrgarten an meinem Pfarrhaus an der Martinskirche sieht aus wie eine Steppe. In diesen Tagen liegt ein seltsamer Rauchgeruch in der Luft, herbeigetrieben von den Wald- und Moorbränden im Hohen Venn. Lieferketten sind unterbrochen, Touristen bleiben aus an Rhein und Mosel. Man stelle sich solch einen Sommer im BUGA Jahr 2029 vor.
Klimaforscher warnen uns, dass wir mit solchen Hitzeperioden im Sommer künftig häufiger rechnen müssen. Darauf müssen wir uns einstellen, denn sehr schnell werden wir die Auswirkungen des veränderten Klimas in Europa nicht beeinflussen können. Die Erde verändert sich schneller als der Mensch seine Gewohnheiten.
Der mächtige Loreleyfelsen ist Sinnbild für die jahrtausendealte Verwandlungsfähigkeit der Erde durch ihre elementaren Kräfte von Luft, Wasser, Hitze und Kälte oder der Erosion. All das hat dieses Rheintal über Jahrmillionen zu dem gemacht, was wir heute als Mythos oder Rheinromantik bewundern. Als unsere Heimat oder als Urlaubs- und Kulturlandschaft mit Weinbau, Burgen und Kirchen, Musik und Kultur.
Tatsächlich, „ein Märchen aus uralten Tagen“, das uns nicht aus dem Sinn geht.
Trotzdem müssen wir uns der Wirklichkeit stellen und nach Lösungen suchen für ein gutes Leben an und mit und im Rhein. Wie werden die Massengüter natur- und menschenverträglich durch das Nadelöhr Mittelrhein befördert? Auf Straßen, Schienen und dem Wasser? Wie verändern sich Weinbau und Landwirtschaft oder der Waldanbau bei eher mediterranem Klima? Brauchen wir eine solche Buga in einem Tal ohne Brücken? Wie leben unterschiedliche Generationen und Kulturen einträchtig miteinander in dem Tal, in dem die Wiege der deutschen Demokratie steht?
Ich weiß nicht was das alles zu bedeuten hat, aber ich setze auf den Rheinländer und die Rheinländerin, die über viele Jahrtausende diese Landschaft geprägt und genutzt haben, die es verstanden haben mit der Natur zu leben und Veränderungen und Fortschritt offen gegenüber stehen.
Lange bevor erst im 19. Jahrhundert von der Loreley gedichtet und gesungen wurde, war eine prägende Gestalt im Rheintal der Heilige Goar, der im 6. Jahrhundert als Missionar aus der Nähe von Bordeaux an die tiefste und gefährlichste Stelle des Rheines kam, um dort als Einsiedler zu leben: An den Loreley Felsen. Hier lebte er nicht nur für Gott, sondern er sorgte sich um die Reisenden, in dem er ihnen eine Unterkunft und eine gute Küche bot. Er kümmerte sich um die erkrankten Schiffer und beerdigte die Leichen, die der Fluss wieder hervorbrachte. Er hatte immer ein offenes Ohr und Herz für die Menschen und ihre Sorgen. Er gründete eine kleine Gemeinschaft in der später nach ihm benannten Stadt.
Wir müssen nicht zum Einsiedler werden, aber Menschen, die sich in diesem Geist einsetzen für das Rheintal und seine Höhen, für Menschen und Natur, werden sicher Lösungen finden, um die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Und damit die Frage eines anderen berühmten Liedes zu beantworten: Warum ist es am Rhein so schön?
